Von Oskar, dem Trüffelhund und von Trüffelreisen

Sommer-Trüffel Tuber_aestivum

Im zarten Alter von 14 Wochen kennt Oskar schon eine Menge Pilzgerüche.
Hier überprüft er gerade den Geruch des Duftenden Gürtelfußes Cortinarius torvus.
Er riecht stark fruchtig, nach reifen Birnen oder getrockneten Pflaumen. Also der Pilz, nicht der Hund.

Im biblischen Alter von 14 Jahren (er wurde 15) posiert Oskar als eine Art Hängebauchschwein
mit dem Pappelschüppling Pholiota populnea (Syn. Pholiota destruens)
auf einer gefällten Hybridpappel (Populus x canadensis).

Sommer-Trüffel Tuber_aestivum

Oskar war eine Seele von Hund. Bernsteinäugig, schwarzfellig, rollbratenförmig-fettbäuchig, krummbeinig, verfressen, intelligent, treu, folgsam und gemütlich. Dass Zähne zum Beißen da sein könnten, hat er nie ausprobiert. Höchstens konnte man mal ein granteliges Grummeln vernehmen, wenn man ihm seinen Knochen wegnehmen wollte. Damit täuschte er manchmal sogar eine Respektsperson vor.
Man konnte sich mit Oskar prächtig unterhalten. Über Pilze natürlich. Worüber sollte man auch sonst reden. Oskar wusste um die unterirdischen Verflechtungen der Myzelien, um den Genusswert von Pilzen, um mykologische Interaktionen und um  menschliche Abgründe. 

Sommer-Trüffel Tuber_aestivum

Oskar war ein guter Zuhörer. Wenn es spannend wurde, legte er meistens den Kopf schief.

 Mit Antworten hielt Oskar sich aber vornehm zurück, was durchaus seine Vorteile hatte. Einmal hat er mitgekriegt, wie das mit diesen geführten Trüffelreisen funktioniert: Ein Tourist zahlt einen horrenden Preis dafür, dass er z.B. in Umbrien oder im Piemont unter fachkundiger Exkursionsleitung die weiße Trüffel Tuber magnatum suchen gehen kann. Die Aussicht auf einen Fund wird dem Touri als sehr wahrscheinlich suggeriert. Also für ihn klingt es jedenfalls nach sicherem Fund. Preis der Beute (bei einem Kilopreis von aktuell 8000.- Euro) mutmaßlich bis potentiell um ein Vielfaches höher als der Einstandspreis für die Reise. Man kann also nur gewinnen. WinWin.
Die "Beute" besteht dann aber meistens aus einem mickrigen, erbsen- bis höchstens kirschgroßen Trüffelchen. Die war im Preis für die Reise locker einkalkuliert. Allinclusiff. Das 2-Gramm-Mikro-Trüffelchen wurde dem Touri vorher von Bediensteten eigens versteckt und zwar so, dass er das erstens nicht merkt und zwotens das Kügelchen auch wirklich findet. Mannomann, ist der Finder dann stolz. Mit geschwellter Brust und erhobenen Armen wird er zu Hause jedem, der es hören will oder auch nicht, davon berichten. Die Trüffel wird dann von Bericht zu Bericht immer größer werden. Bis sie zum Schluss auf Medizinballgröße angeschwollen ist. Ostereiersuche de luxe für leicht zu begeisternde Erwachsene.  Die Welt will eben betrogen sein. Oskar schüttelte so manches Mal verständnislos die Schlappohren ob solcher Stupiditäten.

Sommer-Trüffel Tuber_aestivum

Der Kirschbaum wurde vom aggressiven Schwefelporling Laetiporus sulphureus  ausgehöhlt. Er ist durch und durch bröselig bis mulmig braunfaul und hätte dem nächsten Sturm kaum mehr etwas entgegenzusetzen gehabt. Zum Glück - in diesem Fall - ist  die Kettensäge dem Sturm zuvorgekommen. Von außen war dem Baum sein desolater Zustand absolut nicht anzusehen. Außer in den wenigen Tagen im Jahr, als an der Stammwunde, die einst die Eintrittspforte für die Sporen des Pilzes war, die kurzlebigen Fruchtkörper erschienen.
Die Kunst eines Baumpflegers besteht darin, einen solchen Zustand rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu handeln. Wobei das Handeln  - der Natur der jeweiligen Pilze und des Standortes der Bäume entsprechend - genau so diffizil ist wie das Erkennen der Pilzerkrankung selbst.
Oskar war ebenfalls faul, aber in anderem Sinn. Freiwillig wäre der jedenfalls nicht auf Bäume gesprungen, weder auf vertikale noch auf horizontale. Frauchen half in diesem Fall ein wenig nach. Oskar ertrug es geduldig wie immer und dachte vermutlich: "Die Alte spinnt mal wieder, aber ich tu ihr den Gefallen und spiele mit. Schließlich stellt sie mir auch jeden Tag was zu essen hin."

Dass mir der Hund das Liebste sei, sagst du, o Mensch, sei Sünde?
Der Hund blieb mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.
Franz von Assisi (1182 - 1226), Begründer des Franziskaner-Ordens.

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