Tibetischer Raupenpilz - Cordyceps sinensis

 

Am 7. Juni stand das Ergebnis der Hauptverhandlung in allen Tageszeitungen des Landes:

„Freispruch für Markthändler.
Fünfundzwanzig Pilzvergiftungen bleiben ungesühnt.“


In trockenen Worten wurde anschließend der Freispruch aus Mangel an Beweisen näher erläutert. Auch auf den Selbstmord des Sohnes ging man ein. Wer zwischen den Zeilen las, konnte erkennen, daß auch der Redakteur von der Schuld des angeklagten Händlers überzeugt war. Häublings Geschäft wurde in der Folge gemieden wie die Pest. In Sulzbach ebenso wie auf seinen anderen Märkten. Seine Umsätze gingen rapide zurück bis weit unter die Kostendeckungsgrenze. Die wenigen Kollegen, die überhaupt noch einen Umgang mit ihm pflegten, mußten sich endlose Klagen über die schlechten Geschäfte im Agrargewerbe im Allgemeinen und auf dem Markt im Besonderen anhören. Schuld hatten die Politiker. Sie kürzten in unverantwortlicher Weise die Subventionen in der konventionellen Landwirtschaft. Die Grünen waren es mit ihrer beknackten Politik und der neumodische ökologische Ackerbau, der ihn seine Kunden und seinen Umsatz kostete. Und natürlich dieser verdammte Feigling von Karljohan. Ob er selbst glaubte, was er seinen Zuhörern in seiner Hilflosigkeit auseinanderklamüserte, war nicht zu ergründen. Jeden Tag ein bißchen mehr trug sich Häubling mit dem Gedanken sich zur Ruhe zu setzen. Na gut, bekam er seine zehnte Million eben doch nicht voll. Es würde ihm auch so reichen. Er haderte mit sich selbst und mit dem Schicksal. Mit seiner Frau hatte er seit Wochen kaum ein Wort gesprochen, wenngleich er auch mit seiner Prügelei zurückhaltend war. Unauffälligkeit war am besten. Wer weiß, was im Kopf der Weiber vor sich geht.
Anfangs hatte sie sich darüber aufgeregt, daß es für Karljohan nicht mal eine Totenmesse gab.
Der lag jetzt eingefroren in seinem Sarg in der Nähe des Krematoriums und wartete auf seinen Termin zur Einäscherung. Gundula heulte sich jeden Tag die Augen aus dem Kopf. „Unser Sohn wird verscharrt wie ein räudiger Straßenköter“.
„Ja und“, meinte Häubling „hat er es vielleicht besser verdient?“
Häubling glaubte anschließend sogar Haß in den Augen seiner Frau zu erkennen. Auf alle Fälle war für eine Weile Selbstbeherrschung angesagt. Es würde sich schon wieder alles einpendeln. Häubling behielt Recht: Die Menschen vergaßen schnell, wurden von anderen Ereignissen eingeholt. Sie kamen anfangs zögerlich und mit scheuen Blicken, dann wurden es immer mehr und nach knapp vier Wochen war die Kundenfrequenz fast wieder auf dem gewohnten Niveau. Häubling atmete auf und stellte seine Pensionierungsgedanken erst einmal wieder zurück. Wenige Wochen nach der Gerichtsverhandlung würde auf dem Markt kaum noch etwas zu spüren sein von den vorangegangenen Ereignissen.
Doch der Friede war trügerisch.
Demnächst mehr über die Tödlichen Pilze

 
Tintling 3/2010


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