Pilzbücher von Andreas Neuner




Häubling gab ein denkbar schäbiges Bild ab,

als er seinen armseligen Stand aus dem noch armseligeren Auto hervorkramte und in Sulzbach neben seinem neuen Nachbarn, einem blutjungen, erst kürzlich hinzugekommenen Gemüsehändler, aufbaute. Giorgio Cuschillia, so sein fremdländisch klingender Name, hatte eine Menge Elan und das Durchsetzungsvermögen, das Werner Häubling vor dreißig Jahren auszeichnete. Giorgio hatte Mut, Ellenbogen und einen gesunden Geschäftssinn. Innerhalb kürzester Zeit würde er seinen Kollegen Werner, den bis kürzlich unangefochtenen Platzhirschen, genau so vertrieben haben wie der es seinerzeit mit seinen Mitbewerbern getan hatte.
Schon heute morgen, vor dem  Markt und bevor er wußte, daß Giorgio sein neuer Nachbar sein würde, hatte der frech-forsch und respektlos die Laderampe am Großmarkt belegt, die Werner ganz selbstverständlich und seit ewigen Zeiten als die seine betrachtete. So ändern sich die Zeiten. Der großmäulige Tycoon war, vor der Welt blamiert, abgebrannt, zum Gespött geworden für all die, denen er schon ans Bein getreten hatte. Er verhielt sich entsprechend kleinlaut und unauffällig. In den vergangenen Wochen war er fast ausschließlich damit beschäftigt gewesen, die laufenden Kosten zurückzuschrauben.
Allein die Umsatzrückgänge seit Mai hatten dazu geführt, daß das Geld zeitweilig nicht einmal annähernd ausreichte, um die Löhne für die Verkäuferinnen zu bezahlen. Die kurzen Zwischenhochs im Frühjahr und Sommer vermochten an dieser Tatsache nicht allzuviel zu ändern. Gewiß war die Kapitaldecke einer solchen Firma in der Regel ausreichend, um auch einmal eine - meist wetterbedingte - Durststrecke zu überwinden.

Fortsetzung an anderer Stelle
Tintling 3/2008