Pilzbücher von  Ursula Peintner



Ohne Behandlung würde ihn ein grauenvoller Tod erwarten.

Innerhalb weniger Tage und Wochen würden sich die giftigen Stoffwechselschlacken anhäufen, das Gleichgewicht der Elektrolyte würde verlorengehen, am Ende stünde die finale Harnvergiftung, die Urämie.
Der Patient würde unter entsetzlichen Symptomen leiden: nicht zu stillender Brechreiz und ein unerträglicher Juckreiz auf der Haut von ausgeschiedenen Harnstoffkristallen. Sein Atem würde nach Urin riechen. Ferner erwarteten ihn eine groteske Steigerung des Blutdruckes und in deren Folge Sehstörungen bis hin zur Erblindung, dann Verwirrung des Geistes, Herzversagen, Bewußtlosigkeit, Zuckungen und Krämpfe, zuletzt das urämische Koma.
Heribert Aschenbach war der modernen Medizin wehrlos ausgeliefert. Eine künstliche Niere würde sein Blut in regelmäßigen Abständen reinigen müssen, wie sie es seit seiner Ankunft in der Klinik tat. Erschöpfungszustände stünden am Ende jeder Behandlung. Es würde ihm weder möglich sein, seinen geliebten Beruf als Schreiner und Möbelrestaurator weiterhin auszuüben, noch jemals wieder eine Urlaubsreise anzutreten. Hinzu kam, daß selbst in den dialysefreien Tagen kaum ein beschwerdefreies Leben zu erwarten sein würde. Zu groß die Beeinträchtigungen, die ihm die künstliche Niere als Preis für die Blutreinigung bereits zu diesem Zeitpunkt manchmal abverlangte: Akute Blutungen und Schockzustände als Folge der Heparinzufuhr, die zur Verflüssigung des Blutes erforderlich ist, Elektrolytstörungen mit Wadenkrämpfen und vieles weitere mehr. Seine Arterien und Venen würden durch die mechanische Malträtierung Schaden nehmen. Schon jetzt trug er einen sogenannten Shunt, eine bogenförmige Kunststoffschlinge am linken Bein, die eine Arterie und eine Vene dauerhaft verband. Bei Bedarf konnte sie ohne erneuten Einstich zum Anschließen an das Dialysegerät geöffnet werden. Es mußte pedantisch darauf geachtet werden, daß Infektionen und Entzündungen an den beiden Eintrittsstellen vermieden wurden.
Aber das war lange nicht alles: Die Langzeitkomplikationen, wie zum Beispiel die Knochenveränderungen, würden ihm früher oder später sehr zu schaffen machen und insgesamt wäre seine Lebenserwartung erschreckend verkürzt. Trotz aller Fortschritte der Medizin ist es bislang in kaum einem Bereich gelungen, die Natur perfekt oder wenigstens annähernd fehlerfrei nachzuahmen. Auch nicht im Fall der chronischen Niereninsuffizienz. Heribert Aschenbach hatte in den sechs Wochen seines Aufenthaltes in dieser Klinik jede ihm zugängliche Information über akutes und chronisches Nierenversagen verschlungen.
Der Lesestoff hatte ihm im Laufe der Wochen alle Illusion über ein unbeschwertes Leben geraubt.
Es geht andernorts mit dem nächsten Häppchen des Krimis um eine Massenvergiftung durch Cortinarius orellanus weiter

Tintling