Klapperschwamm Grifola frondosa

Foto: Fredi Kasparek

Klapperschwamm, Maitake, Tanzender Pilz - Grifola frondosa

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Werner Häubling reagierte nicht so, wie ein normaler Mensch reagieren würde.

Ein normaler Mensch würde vielleicht vor Schreck in Ohnmacht fallen oder hysterisch schreien, wie es die Mädchen getan hatten. Er würde vielleicht um seinen Sohn weinen oder die Polizei rufen. Werner Häubling tat nichts dergleichen. Seine einzige Sorge galt auch jetzt zuerst seinem Stand und seinem Umsatz. Alles andere würde sich mit zwei, drei Telefonaten regeln lassen.
Tot ist tot, sagte er sich und von wehleidigem Geschrei wurde der Erhängte auch nicht wieder lebendig.
Daß er den mimosenhaften Dämchen nicht zumuten konnte die restlichen paar Container aus dem Wagen zu fahren, das sah er hingegen schon ein, wenn auch widerwillig. Folglich tat er es selbst. Anschließend schloß er die hydraulische Heckklappe des großen Fahrzeuges und wies die Leute an den Stand weiter aufzubauen und ihre Arbeit zu tun. Allerdings diesmal ohne „Hopp hopp hopp“. Ein bißchen Pietät muß schließlich sein.

Danach führte er von seinem Handy aus drei Kurztelefonate: eines mit einem Beerdigungsinstitut, nachdem er sich von der Auskunft die Nummer geben ließ und das dritte mit seiner Frau. Sicher hätte er auch gleich seiner Frau den Auftrag geben können ein Institut zu suchen und es zu beauftragen. Aber dann hätte sie ihm lästige Fragen gestellt und das Ganze hätte noch mehr Zeit verschlungen. So war es besser.
Frauen waren ja überhaupt nicht belastbar, kippten bei der kleinsten Aufregung aus den Latschen.
Nein, da müßten Profis ran. Die würden schon wissen, ob ein Arzt oder die Polizei hinzugezogen werden mußte und welche Formalitäten zu erledigen sein würden. Entsprechend kurz war sein Anruf beim Institut „Friede“: „Auf dem Markt in Sulzbach ist ein Toter abzuholen. Mein Sohn. Er hat sich erhängt und befindet sich in einem Lastwagen. Er soll eingeäschert und an seinem Wohnort beigesetzt werden.“ Daß der LKW so nahe an seinem Stand parkte, störte ihn in diesem Moment außerordentlich. Was hatte er in der Vergangenheit schon für Dispute und Kräche gehabt, weil er sein Auto gar nicht nahe genug am Stand haben konnte. Rücksichtslos hatte er seinerzeit durchgesetzt, daß er dauerhaft einen ganzen wertvollen Standplatz zusätzlich belegen konnte, den normalerweise ein anderer Händler für sein Geschäft hätte nutzen können. Heute verfluchte er diese Regelung. Am liebsten hätte er das Auto mit dem lästigen Toten in eine ruhige Seitenstraße abseits vom Markt gefahren. Doch erstens kam er aus dem vollbesetzten Marktgelände vor Mittag nicht mehr heraus und zweitens war selbst dieser grobschlächtige Wüterich nicht so kalt, daß er einen LKW mit einer darin baumelnden Leiche hätte irgendwohin fahren können.
Er würde sich also der Situation stellen müssen.
Irgendwie. Tatsächlich sprach sich die Nachricht, daß sich der junge Händler im Auto seines Vaters erhängt hatte, in Windeseile herum. Zahlreiche Neugierige waren gekommen, die aus diskretem Abstand die Aktionen der Polizei, des Arztes und schließlich des Bestatters verfolgten.
Demnächst gehts weiter.

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