Pilzbücher von Jean-Pierre Fombeur




Kapitel 21 Mai - Juni 1999

Von den Händlern auf dem Sulzbacher Wochenmarkt war kaum einer an seinem Stand.
Lebhaft, wenn auch mit branchenunüblich leiser Zurückhaltung diskutierten sie über die Lebensumstände der Familie Häubling. Selbst die lautesten Haudegen bemühten sich um eine dezente Stimmlage, wenn sie Tiefschürfendes erörterten oder erläuterten. „Der Karljohan hatte einen schweren Stand bei dem neureichen Protz“ verklickerte ein ungepflegter, etwa fünfzig Jahre alter Blumenhändler mit ungewohnt gedämpfter Stimme einer interessiert lauschenden Kollegin. Hildegard, seine schlanke und schwarzlockige Gesprächspartnerin, war als Lappen-Hillary bekannt und handelte mit selbstgemachten Häkeldeckchen.
„In der Öffentlichkeit weiß das ja fast kein Mensch“ setzte der durch die rudimentären Zahnreihen nuschelnde Informant fort, aber ich habe da hinter die Kulissen geschaut. Ich bin nämlich immer bei ihm eingeladen, wenn der was feiert.“
„Dann finde ich es aber fies, daß du jetzt über ihn herziehst, Manfred!“ meldete sich eine Stimme hinter seinem Kopf. „Halt du dich da raus, wenn dich was nichts angeht“ blaffte Manfred Stöber, der Angesprochene.
„Geh am besten wieder an deinen Stand und laß mir meine Ruhe.“
„Außerdem“ so wandte er sich wieder seiner hübschen, wenn auch etwas spitznasigen Gesprächspartnerin zu „waren wir schon zusammen auf der Pferderennbahn.“
„Oh, ehrlich? säuselte sie in eigentümlich durchwachsenem Hochdeutsch.
„Schließt du da auch Wetten ab?“
„Aber sicher, und ich gewinne da fast immer. Aus Manfred´s Tonfall sprach selbstgefälliger Stolz und sein Blick war auf seine in Sandalen gekleideten Füße gerichtet. Den herausblitzenden Socken konnte man ansehen, daß er am Vortag offensichtlich den Rasen gemäht hatte.
„Aber was den Werner betrifft“ monierte er „so war der Umgangston zu seinem Sohn nicht ganz in Ordnung, das muß man ihm schon vorhalten. Ich habe ja auch eine erwachsene Tochter, eine ausnehmend attraktive noch dazu. Mit der habe ich sogar dann noch einen humanen Umgang gepflegt, als ich hintenherum erfahren hatte, das sie eine verdammte Lesbe ist. Man muß ja trotzdem Mensch bleiben, verstehste de.“
Seine wißbegierige Lauscherin war eine zuverlässige Garantin für die raschestmögliche Wiedergabe des soeben Gehörten. Auf dem Weg zum nächsten Wunderfitzigen hatte sie sogar noch das Glück zu erfahren, daß ihr letzter Gesprächspartner am Totalisator keineswegs immer nur gewonnen hatte.
„Schlimmer noch:“ füllte die gut unterrichtete Süßwarenhändlerin Helma Braun Hillary´s klaffende Informationslücken auf. „Der hat schon Haus und Hof verspielt. Kredite hat der schon aufnehmen müssen, um seine Wettschulden zu bezahlen.“
Der Krimi um eine Massenpilzvergiftung durch Cortinarius orellanus geht anderer Stelle weiter.  

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