Speise-Täubling Russula_vesca

Speise-Täubling Russula vesca

Schweizer Pilztafeln



„Ist ja interessant!“ Die immer auf vornehme Wirkung bedachte Lappen-Lady war in ihrem Element und scharwenzelte lustvoll um ihre Kundschafter und Informanten herum. Die erst sechsundzwanzig Jahre alte Hildegard hatte sich in der Vergangenheit ausnehmend häufig dadurch hervorgetan, daß sie reale oder vermutete Verfehlungen ihrer Mitmenschen vor denen ausbreitete, von denen sie sich ungeteilte Aufmerksamkeit erhoffte. Offene Ohren für ihre Ränkespielchen fand sie immer und sie durfte sicher sein, in diesem bunten und schwatzhaften Umfeld den kompensatorischen Ausgleich für den häuslichen Ehefrust zu erhalten. So wie ein Hund die Nase immer am Boden hat, um etwas Interessantes zu entdecken, so stolzierte Hildegard mit keck emporgerecktem Näschen einher, als wäre der nächste übertragungswürdige Skandal in der Luft zu erwittern. Hatte sie erst die Fährte aufgenommen, so folgte sie ihr beharrlich: erst gestern konnte sie ihrer Busenfreundin Maria Kleinpfennig erfolgreich von Ursula´s Untaten berichten.
Sie lechzte und sabberte dabei wie ein Hund, der Zuckerchen erbettelnd Männchen macht. Sie erhielt ihre wohlverdienten Zuckerchen auch stets: zuletzt von der dankbaren Maria sogar in Form einer kostenlosen Urlaubsreise ans Meer.
Doch die Lappen-Hillary war nicht die einzige aus dem redseligen Völkchen, das sich da in gerade noch vertretbarer Nähe zum Ort des Geschehens in der Not anderer behaglich suhlte: In sülziger Scheinheiligkeit forderte Brunhilde Klowatz an einer anderen Ecke soeben von einer verdutzten Kollegin ein ausreichendes Maß an Pietät ein, wobei sie von ihrem drei Schritte hinter ihr kuschenden Gatten durch beifälliges Kopfnicken in ihrer Forderung bestätigt wurde.
„Karljohan war so ein guter Mensch und seinen bedauernswerten Eltern gebührt unser aller Mitgefühl.“
„So etwas mußt gerade du faseln, du linke Bazille“ erschallte eine gedämpfte Stimme zu ihrer Rechten.
Sie gehörte der Eierverkäuferin, die die schleimige Boshaftigkeit der Kollegin auch schon schmerzhaft zu spüren bekam.
Der Krimi um eine Massenpilzvergiftung durch Cortinarius orellanus geht anderer Stelle weiter.
Tintling 4/2001

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