Pfifferling Cantharellus_cibarius

Der Pfifferling Cantharellus cibarius hatte vor 1924 mindestens 22 deutsche Pilznamen:
Eierschwamm, Gehling, Geelchen, Faltenpilz, Dotterpilz, Hahnenkrempel, Gelbmännchen, Galöhrchen, Galuschel, Gänsel, Rehling, Hasenohr, Rehgaißl, Gelböhrchen uns viele weitere. Heute sind es mindestens 45.

The Mycota

 

Die Autoren dieser Werke sind Ursula Kües, Ulrich Kück, Alistair J.P. Brown, Martin Hofrichter, David J. McLaughlin, Christian P. Kubicek, Richard Howard, Neil, Timm Anke, Daniela Weber, Axel A. Brakhage, Holger B. Deising,
Heinz Osiewacz, F. Kempken, Stefanie Pöggeler, Robert Brambl, B. Hock, Minou Nowrousian, Judith E. Domer
und Donald T. Wicklow.  

Die deutsche Benennung der Pilze, besonders die bei Ricken.
Von Oberlehrer B. Knauth, Dresden
Wer über Pilznamen schreibt, kann versucht sein, zunächst einmal zurückzublicken auf die Entstehung dieser Namen, auf das Halbdunkel des Aberglaubens, des Vermutens uns Befürchtens (Satanspilz, Mordschwamm usw.).
Ferk, Marzell, Spilger, Schreiber, Schwenckfeld u. a. können darüber belehren.
Wir aber wollen jetzt der Gegenwart und Zukunft unsere Aufmerksamkeit schenken.
Überblicken wir einmal den Bestand an deutschen Pilznamen, so entdecken wir, daß die Einheitlichkeit noch viel zu wünschen übrig läßt. So kann man unter Erdschieber verstehen Lactarius scrobiculatus (Ricken), Lactarius vellereus (Gramberg), aber auch Russula adusta. Mit Eichhase kann gemeint sein Polyporus ramosissimus (Ricken) und frondosus (Michael), aber auch Pleurotus ostreatus (Migula).
Ähnlich ist's bei Reizker, Grünling, Bitterpilz, sowie bei den beiden noch gebräuchlichen französisischen Ausdrücken Champignon und Mausseron. Für Cantharellus cibarius gibt es nicht weniger als 22 verschiedene deutsche Namen: Pfifferling, Eierschwamm, Gehling, Geelchen, Faltenpilz, Dotterpilz, Hahnenkrempel, Gelbmännchen, Galöhrchen, Galuschel, Gänsel, Rehling, Hasenohr (Clusius 1601), Rehgaißl, Gelböhrchen u. a.
Solch fürstlichen Überfluß an deutschen Namen können wir auch bei anderen bekanntcn Pilzen feststellen.
Kein Wunder, daß manche Botaniker die deutschen Namen meiden wie ein ehescheuer Junggeselle die töchterreichen Familien. Und doch sind sie nicht vorbildlich. Ein deutscher Botaniker muß deutsche Gewächse auch deutsch benennen können. Wer Anstoß an der Vielheit nimmt, mag die Einheitlichkeit fördern helfen. Wie störend und zeitraubend diese Verworrenheit ist, merkt man dann besonders, wenn man Pilzausstellungen leitet oder Führungen vornimmt. "Heißt der Pilz nicht auch so?" fragt einer. "Ja!" "Wir nennen den so!" "Können Sie auch sagen!" "In meiner Heimat wird der aber wieder anders genannt, nämlich so!"
Schließlich sitzt man dabei so wenig sattelfest wie ein Anfänger im Kamelreiten.
Man wird dann bestimmt, indem man sagt: "Ricken nennt ihn so."
Ein Glück, daß Ricken den Mut hatte, allen Pilzen deutsche Namen zu geben, und zwar oft unabhängig vom wissenschaftlichen. Warum empfiehlt es sich nicht, immer nur die Übersetzung dieses wissenschaftlichen Namens zu geben - weil dabei oft Tautologien herauskommen (Myxacium mucosum) ader Unwahrheiten (Lactarius necator) oder Anstößigkeiten (Phallus impudicus) oder Ungenauigkeiten, namentlich in der Bezeichnung der Farben. Dank den Fortschritten unserer Farbentechnik können wir z. B. viel genauer die feinen Farbtönungen des Blau bezeichnen als die alten Griechen und Römer. Das alles mag auch Adalbert Ricken bestimmt haben, in der deutschen Benennung oft ganz selbständig vorzugehen. Ein gewaltiger Fortschritt! Aber dieser bescheidene Gelehrte würde nie an seine Unfehlbarkeit geglaubt haben. Hat er sich doch mehrfach verbessert. So heißt Russula emetica in den "Blätterpilzen" noch Entferntblättriger Täubling, in der 2. Auflage vom Vademecum aber Speiteufel. Hier spürt man das Bemühen, kurz und volkstümlich zu benennen. Allein er gibt noch immer einige Namen, die wenigen gefallen. Wenn wir nun daran denken, daß noch einmal eine 3. Auflage dieses vorzüglichen Bestimmungsbuches notwendig werden wird, scheint eine Sichtung seiner deutschen Benennungen gerechtfertigt.
 Gefunden in der Zeitschrift für Pilzkunde  Heft 1/1924, wird fortgesetzt.

 

zurück zum Tintling . Tintling 3/1998