Pilzbücher von Walter Jülich



Im Vorraum zum sterilen Operationssaal
gingen ihm unendlich viele Gedanken durch den von Medikamenten leicht benebelten Kopf.
Irgendwo hatte er einmal gelesen, auf welche Weise sich die Natur ihres Mülls entledigt.
Ausgerechnet die Lebewesen, die auf fatale Weise seine Nieren zerstört hatten und seinen Organismus zu ersticken drohten, sorgten in der Natur dafür, daß diese nicht selber an sich erstickte: Die Pilze sind es, die derartiges vermögen und damit sogar unentbehrlich sind. Pilze zerlegen Holz und andere organische Materie wieder in ihre Grundbestandteile. Ohne sie gäbe es keinen Stoffabbau, kein natürliches Recycling, kein Leben.
Welcher Gegensatz zu der fatalen Wirkungsweise der Pilze in seinem geschundenen Körper.
Soweit er sich im Nachhinein erinnern konnte, waren das seine letzten Gedanken, bevor ihn jemand auf den Operationstisch legte und er für die nächsten Stunden narkotisiert wurde. Im Operationssaal waren zu diesem Zeitpunkt bereits eine Menge Menschen mit dem bevorstehenden Eingriff beschäftigt.
Obwohl die moderne Medizin mittlerweile über einen fundierten Erfahrungsschatz in der Transplantationschirurgie verfügte, waren derartige Operationen keineswegs Routineeingriffe.
Prof. Dr. Klugbauer hatte sich die Entscheidung auch nicht leicht gemacht. Ausschlaggebend waren zwei Dinge, die grundsätzlich getrennt betrachtet werden mußten: Zum einen war nach menschlichem Ermessen in diesem Fall keine Besserung zu erwarten und es war günstiger, die noch vorhandene gute Konstitution des Patienten für den schweren Eingriff zur Verfügung zu haben. Mit jeder Woche, die ungenutzt ins Land ging, würde er ein wenig schwächer werden. Sicher, man hatte das Problem der Niereninsuffizienz seit der Erfindung der Hämodialyse recht gut im Griff. Kaum jemand mußte noch an akutem Nierenversagen sterben, sondern höchstens an den Folgeerkrankungen. Die technische Ausstattung der Geräte war im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert worden, so daß das Blut der Patienten unter größtmöglicher Schonung gereinigt werden konnte. Auch eine Reihe von unerfreulichen Begleiterscheinungen hatte man mit verbesserten Dialysaten, den Waschflüssigkeiten, leidlich unter Kontrolle bringen können. Dem außerhalb des Körpers zirkulierenden Blut wurden die Schlacken entzogen, indem sie über Membranen in die Lösungen diffundierten. Das änderte nichts an der Tatsache, daß es bei aller ärztlichen und technischen Kunst noch nicht gelungen war, die natürlichen Körperfunktionen auch nur annähernd zu ersetzen. Von der Operation hing es also ab, ob er die nächsten Jahre in relativer Normalität würde verbringen können oder nicht. Gewiß, selbst für den Fall, daß die Operation erfolgreich verlaufen würde, wäre auch diese neugewonnene Lebensqualität eingeschränkt.
Täglich würde er stark wirksame Medikamente schlucken müssen, die die Abstoßungsreaktion des Körpers verhindern sollten. Gemessen an einem Leben an der künstlichen Niere war das jedoch das reinste Zuckerschlecken. Im Operationssaal lag Heribert Aschenbach auf der Seite, mit grünen Tüchern nahezu vollständig bedeckt. Lediglich das Operationsfeld im mittleren und unteren Bereich der Flanke lag frei. Professor Klugbauer setzte den Großen Flankenschnitt. Bis zur Entfernung der zur Unkenntlichkeit zerstörten, nur noch neunzig Gramm wiegenden Niere vergingen nur wenige Minuten.

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