Scharlachroter Kelchbecherling Sarcoscypha_coccinea

Scharlachroter Kelchbecherling Sarcoscypha coccinea

Pilzbücher in niederländischer Sprache

Autoren der ehemels verlinkten Bücher dieser Seite: Gerrit Keizer, Andreas Gminder, E. van Zalinge, A. van Hooft, Elke Doelman,  Theo Scholten, Hennie Franssen-Seebregts, Edmund Garnweidner,
G.L. van Eyndhoven  und Hans Haas.

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Elender konnte der Start ins Leben nicht beginnen.
Man muß dazu wissen, daß zu der damaligen Zeit alles andere als das heutige Überangebot geherrscht hatte. Kann ein Handelsunternehmen heutzutage nur dann konkurrenzfähig wirtschaften, wenn es ein möglichst breites, erlesenes und preiswertes Angebot vorhält, so war damals derjenige erfolgreich, der überhaupt die begehrten Gebrauchsgüter anzubieten hatte. In den Jahren nach dem Krieg war der Engpaß die Warenbeschaffung und nichts sonst. Die Händler und die landwirtschaftlichen Selbsterzeuger hatten mittags, zum Ende des Marktes, keine Waren mehr. Nichts, kein Stück. Sie trugen das Geld teilweise in Eimern nach Hause. Hätte man denen damals vom Überfluß und vom harten Konkurrenzdruck der neunziger Jahre berichtet, sie hätten es garantiert nicht für möglich gehalten. Eine andere Gruppe von Marktkaufleuten handelte mit Kurzwaren. Schnürsenkel, Knöpfe, Messer und Scheren, Garn und Nadeln, Hosenträger und Flickstücke, Seife, Putzlappen und Badesalz bildeten ihren Warenbestand.
Zu diesen Händlern gehörte Johann Felbert, der Brötchengeber von Werner Häubling. Die Waren wurden auf einer Art Ziehwägelchen verstaut, das von sechs großen Hunden gezogen wurde, ähnlich einem Schlittenhundgespann. Werner hatte von Anfang an ein perverses Vergnügen daran, das letzte aus den bedauernswerten Kreaturen herauszuholen. Sei es, daß er dem Wagen viel mehr Gewicht auflud, als die Hunde bewältigen konnten, sei es, daß er sie bis zur Erschöpfung antrieb. Es hatte geradezu den Anschein, als wolle er sich für alles, was ihm in seinen furchtbaren Kindertagen von Nonnen und Pfaffen, von Magistern und Erziehern angetan wurde, an den armen, unschuldigen Tieren rächen.
Einer dieser Hunde mußte einmal mitten auf einem Markt getötet werden, weil seine Knochen so kaputt waren, daß er nicht einmal mehr aufstehen, geschweige denn laufen konnte. In der Folge erhielt Werner von seinem Boß die klare Anweisung schonender mit den Vierbeinern umzugehen. Aber Werner, der Hundeschinder, wie er schon damals im Kollegenkreis genannt wurde, fand immer Mittel und Wege, die Tiere stets im oberen Grenzbereich des gerade noch Erträglichen zwangsarbeiten zu lassen.
An einem Morgen ergab es sich, daß er an dem separaten Platz, an dem die Zughunde und die Anhänger während des Marktes stationiert zu sein hatten, die ausgedehnten Wunden an Pfoten und Reibungsstellen des Zuggeschirres mit Jodtinktur und Kamillenextrakt behandeln wollte. Nicht daß es ihm darauf ankam, die Schmerzen der beiden Hündinnen und der vier Rüden zu lindern, die waren ihm weitgehend egal. Nein, er, Werner Häubling, hatte schon frühzeitig erkannt, daß Mensch und Maschine ihre optimale Leistung nur dann erbringen konnten, wenn sie in einem funktionsfähigen Zustand waren.
Diesen Optimalzustand wollte er mit Hilfe der Medikamente näherungsweise wiederherstellen.
Nicht mehr und nicht weniger.

Fortsetzung des Pilzromans an einem anderen Pilzplätzchen in dieser Bücherei.
Tintling 4/2012