Gemeiner Weißtäubling Russula delica

Gemeiner Weißtäubling Russula delica
 
Alfred Einhellinger (1913 - 1999) war ein deutscher Pilzkundler, der sich schwerpunktmäßig mit Täublingen (Russula) beschäftigte.
Er hinterließ das immens wichtige Werk "Die Gattung Russula in Bayern.
Alfred Einhellinger starb am 27.3.1999 in München.

Pilzbücher von Alfred Einhellinger


Täublinge
- auf vornehm Russula - waren an sich für etwaige Speisepilzsucher oder -käufer eigentlich ungefährlich, denn selbst die ungenießbaren waren nicht oder kaum giftig. Es könnte höchstens sein, daß sich jemand wegen des scharfen oder bitteren Geschmacks beschweren würde. Und dann kam gleich die Panik hintendrein, weil die guten Leute hinter einem schlecht schmeckenden Pilz gleich Gevatter Tod befürchteten. In die meisten Köpfe ging es absolut nicht hinein, daß bittere Pilze nicht giftig sein müssen und daß der tödlich giftige Knollenblätterpilz zumindest im jugendlichen Zustand ausgezeichnet schmeckt. So die übereinstimmende Offenbarung derer, die gerettet wurden. Er, Pilze-Edi, würde die Täublinge selber essen. Denn einerseits war aus den genannten Gründen keine Nachfrage zu erwarten, andererseits liebte er Täublinge in der Küche. Täublingsklößchen zu einer Zeit, in der es keine Pilze gab... Eduard Fähner lief das Wasser im Mund zusammen, wenn er an einen kalten Wintertag dachte, an eine gehaltvolle Rindsbouillon mit darin schwimmenden duftenden Täublingsklößchen. Und anschließend ein Mittagsschläfchen auf der Kachelofenbank. Gewiß, seine Frau würde wieder maulen, wenn er Täublinge nach Hause brachte. Sie und niemand sonst wird den Pilzen mühsam die derbe Huthaut abziehen müssen, wird das weiße Pilzfleisch in feine Scheibchen schnippeln, in einem Trockengerät dörren und anschließend in der einzig diesem Zweck dienenden Kaffemühle zu staubfeinem Pilzpulver mahlen. Der Hausherr wird am Ende der Pilzsaison liebevoll Etiketten auf die Gläser pappen und sie oben auf dem Kaminsims deponieren wie ein Jäger seine Trophäen. Eine ganze Kiste Pilze ergab gerade mal ein mittleres Glas hochkonzentriertes, geschmacksintensives Pilzpulver.

Für ihn machte es keinen Unterschied, ob er die Pilze selber gesammelt hatte oder ob sie ihm von seinen vielen Helfern angeschleppt wurden. Seit er diesen Job machte - schwarz und steuerfrei, versteht sich -, brauchte er sich nicht mehr zu bewegen und zahlen mußte er in der Regel für derartige Pilze auch nicht. Ihm war es ein leichtes, den Sammlern zu erklären, daß es für Täublinge keine Nachfrage gab, und daß der Verkauf ohnehin viel zu gefährlich sei. In der Regel bekamen es die Sammler dann auch mit der Angst zu tun und ließen ihm ihre Täublinge einfach da. Edi würde sie schon entsorgen. Das gleiche Problem gab es mit Hexenröhrlingen. Sie waren dem Steinpilz geschmacklich weit überlegen, aber die roten Röhrenmündungen und die Blauverfärbung des gelben und kompakten Fleisches machte sie praktisch unverkäuflich. Gut für Edi und seinen Kaminsims. Auch Hexenröhrlinge in Olivenöl mit Knobi und Thymian waren eine Delikatesse. Merkwürdigerweise brachten ihm seine Sammler immer wieder derartige Spezialitäten, obwohl sie doch inzwischen wissen mußten, daß er dafür nicht zahlte. Oft dachte er, und dabei erinnerte er sich an früher, wo er noch selber Pilze gesammelt hatte, daß es schwer ist, dem Jagd- und Rafftrieb zu widerstehen.
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Tintling 2/2007



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