Samtfußrübling Flammulina velutipes

Samtfußrübling Flammulina_velutipes Foto: Fredi Kasparek

Ein echter Winterpilz: Der Samtfußrübling Flammulina velutipes

Von Edmund Garnweidner, Fürstenfeldbruck

Der Samtfußrübling ist ein schöner, markanter Pilz und leicht zu erkennen.
Die samtig-filzige Stielbekleidung ist so charakteristisch, dass er kaum mit anderen Pilzarten verwechselt werden kann. Lediglich bei oberflächlicher Betrachtung kommen Schwefelköpfe als äußerlich ähnliche Arten in Frage. Diese haben jedoch keine samtigen Stiele und wachsen nur ausnahmsweise im Winter.

Nachfolgend ein Kurzsteckbrief des Samtfußrüblings:
Fruchtkörper meist büschelig wachsend, Größe der Einzelhüte 3 - 6 cm. Hut gewölbt bis verflacht oder im Alter niedergedrückt, glatt und schleimig-glänzend, erst weißlich, dann blass gelblich. Lamellen blass gelblich, etwas entfernt, bauchig, tief ausgebuchtet. Stiel bis 6 cm x 0,5 cm, derb und zäh, meist verbogen, zylindrisch oder zur Basis hin spindelig ausspitzend, dunkelbraun bis schwarzbraun, Spitze heller, besonders im unteren Teil auffallend samtig-matt befilzt. Das Sporenpulver ist weiß.

Dieser in ganz Mitteleuropa vom Flachland bis in mittlere Gebirgslagen häufig vorkommende, holzbesiedelnde, meist büschelig wachsende Blätterpilz ist einer der wenigen echten Winterpilze. Er fehlt in keinem größeren Weidenbestand z.B. von Auwäldern, ist aber auch an vielen anderen Laubgehölzen zu finden. Allerdings bevorzugt er Weichholz. Er wächst meist als Folgezersetzer auf toten Stümpfen und Stämmen, hat aber auch die Fähigkeit als Schwächeparasit lebendes Holz zu infizieren. Stirbt eine Weide oder auch nur Teile von ihr ab, dann ist der Samtfußrübling sicher der allererste Blätterpilz, der das Totholz besiedelt. Ein richtiger Pionier, der in der Lage ist, die groben, zähen Holzbestandteile zu zerlegen, um sie anschließend für Nachfolgeorganismen nutzbar zu machen. Er verwertet die Trägersubstanz Lignin und erzeugt eine Weißfäule im Holz.
Als Forstschädling hat er - im Gegensatz zum Hallimasch z. B. - dennoch keine Bedeutung, weil die von ihm vorzugsweise besiedelten Holzarten einerseits wirtschaftlich nicht wichtig sind und andererseits durch die Infektion mit dem Samtfussrübling nicht stark entwertet werden.

Der leuchtend gelbe, meist büschelig wachsende Blätterpilz mit dem auffallend dunkelsamtigen Stiel ist niemals vor dem ersten Frost zu finden. Den benötigt er nämlich als Anreiz zur Fruchtkörperbildung, ebenso wie z.B. der bekannte Austernseitling Pleurotus ostreatus oder der Frostschneckling Hygrophorus hypothejus. Als ausgesprochener Winterpilz ist er ein wetterfester Geselle, dem es überhaupt nichts ausmacht, sein Dasein notfalls auf längere Zeit tiefgefroren zu fristen. Auch sehr niedrige Temperaturen können ihm nichts anhaben. Nach dem Auftauen wächst er weiter, als ob nichts geschehen wäre. Er übersteht auch extreme Minustemperaturen und setzt das Wachstum fort, sobald das Thermometer wieder in den über den Nullpunkt klettert. Offensichtlich bedient sich dieser Pilz eines Tricks, der auch anderen Organismen, vom Bakterium bis zum Fisch – das Überleben in der Kälte sichert. Die Rede ist von sogenannten Frostschutz-Proteinen. Sie lagern sich an entstehende Eiskristalle an und verhindern deren weiteres Wachstum und damit die Zerstörung der Zelle.

Eine weitere morphologische Besonderheit zeichnet den Samtfußrübling aus:
Die auf den Lamellenflächen zu Millionen gebildeten farblosen, ellipsoidischen Sporen keimen an beiden Enden gleichzeitig aus. Sie liefern damit eine mögliche Erklärung für die effiziente Besiedlung des frischtoten Holzes im erfolgreichen Wettlauf mit zahlreichen Konkurrenzpilzarten.

Als Speisepilz erfreut sich der Samtfußrübling einer großen Beliebtheit,
denn junge Fruchtkörper sind knackig und schmackhaft. Zudem ist er kaum verwechselbar und andere Speisepilze gibt es zu dieser Zeit nur wenige. Allerdings sind nur die Hüte essbar, die Stiele sind zäh.

Kein Wunder, dass es nicht an Versuchen mangelt den schönen Pilz zu kultivieren: Nichts einfacher als das. Das Holz - am besten Weide - sollte 2 - 4 Wochen abgelagert sein, da bei allzu frischem Holz die darin befindlichen natürlichen Antibiotika ihre Wirksamkeit noch nicht verloren haben. Das Holz wird nach Anleitung beeimpft und an einer schattigen Stelle im Garten aufbewahrt. Pilzbrut zur Anzucht gibt es zwar im einschlägigen Fachhandel zu kaufen, aber oft genügt es auf der frischen Schnittstelle eines Stammabschnittes einen Fruchtkörper zu verreiben, um im darauffolgenden Winter ziemlich sicher leckere Samtfussrüblinge zu ernten.

Tintling