Pilzbücher von Edmund Michael



Ich habe schon rühmend hervorgehoben, daß Schulz die dürftigen Beschreibungen Michaels meistens durch sehr ausführliche, die Veränderlichkeit der Pilze berücksichtigende Diagnosen ersetzt hat. Für ein volkstümliches Werk liegt darin aber auch eine gewisse Gefahr, die nicht völlig abgewendet ist. Der Laie verirrt sich in dem Vielerlei der Angaben, sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und übersieht leicht das, worauf es ankommt. Wenn bloß die entscheidenden Merkmale häufiger durch den Druck hervorgehoben würden, wäre für die praktische Benutzbarkeit des Buches schon viel gewonnen. Aber für den wissenschaftlichen Wert einer Diagnose gilt im Grund dasselbe. Womit Fries schon begonnen, worin Ricken Bedeutendes geleistet (er hat es teils in den deutschen Namen, teils in seinen kleingedruckten Anmerkungen zum Ausdruck gebracht), das muß künftig neben der Beschreibung der Veränderlichkeit der Pilze eine Hauptaufgabe für uns bleiben, zugleich auch das beste Kriterium, ob wir den Pilz wirklich kennen: Heraushebung der entscheidenden Merkmale und Abgrenzung einer Art gegen die nächsten Verwandten oder Doppelgänger. Im Interesse der Wissenschaft bedaure ich, daß Schulz sich nicht hat entschließen können, jedesmal anzugeben, ob er aus eigener Erfahrung, ob er nach der Literatur redet. Es wäre dringend zu wünschen, daß dieser von Kallenbach verfochtene und auch in seinem populären ADNA-Bändchen rühmlich befolgte Grundsatz sich überall einbürgern würde, mindestens da, wo wissenschaftliche Interessen in Frage stehen. So wäre es wissenschaftlich von Interesse zu wissen, ob die Beschreibungen zu den Ritterlingstafeln 128 (gausapatum), 129 (fumosum), 130 (militare), 131 (tumidum) selbständig sind, oder wie es den Anschein hat (es fehlen z. B. durchweg die Sporenangaben) nach der Literatur. Auch wäre es bei solchen Bildern, die wenig bekannte, kaum abgebildete oder gar neue Arten darstellen, sehr erwünscht, wenn der Fundort genau angegeben würde. Bei einem so ausgezeichneten Bild wie T. 190, gedeutet auf Psilocybe spadicea Fr. non Ri. spadicea Ri. soll sarcocephala Fr. sein, womit doch eine schwierige wissenschaftliche Streitfrage aufgeworfen wird, da die Friessche Beschreibung sich mit der Schulzschen durchaus nicht deckt; es könnte sich höchstens um die Varietät polycephala handeln hätte Schulz sich nicht scheuen sollen, auch die Cystiden anzugeben; auch müßte man hier unbedingt wissen, ob er die dargestellten Pilzindividuen selbst gesehen und untersucht hat. Für den Ziegelroten Rißpilz Nr. 172, der übrigens auch im Flachland, z. B. in den Potsdamer Parks vorkommt, aber sehr viel anders aussieht als auf dem Bild, wäre Angabe der Cystiden sogar unerläßlich für die Beschreibung. Durch die Unsicherheit in diesen Dingen haben leider auch die neueren Abbildungen an dokumentarischem Wert eingebüßt. Es ist schon die Frage aufgeworfen worden, ob es berechtigt sei, in ein volkstümliches Werk neue unbekannte Arten aufzunehmen; doch kann man darüber verschiedener Meinung sein. Ich meinerseits begrüße es freudig, wenn einmal der Fall sich ereignet, daß für eine neuaufgestellte Art sofort ein erstklassiges Bild gezeigt werden kann, wie es hier z. B. für Psalliota lepiotoides R. Sch. Nr. 50 der Fall ist. Die populären Pilzbücher sind ja doch die einzige Gelegenheit, künstlerische Bilder herauszubringen, ohne daß der Autor sein ganzes Vermögen dafür drangeben muß, wie es sonst unter Mykologen Autorenschicksal ist. Die Unfertigkeit der Pilzwissenschaft ist m. E. großenteils nur eine Folge der finanziellen Schwierigkeit farbiger Reproduktionen. Da kann es nichts schaden, wenn auch einmal eine seltenere Art mit eingeschmuggelt wird. Der Boletus praestigiator R. Sch. Nr. 91 ist freilich nur ein neuer Name, über dessen Berechtigung reichliche Einwendungen erhoben worden sind. Hinter die Russula fuscoochracea als n. sp. tut man gut noch ein Fragezeichen zu setzen. Die Abbildung sieht einem von Knauth in Thüringen gemalten und einwandfrei als ochracea bestimmten Täubling täuschend ähnlich, während Schulz' Beschreibung zu dem Michaelschen Bild nicht recht zu passen scheint. Über die Aufstellung neuer Varietäten- und Formennamen denke ich mit Kallenbach anders als Schulz. Es mag verdienstlich sein, wenn einmal wie beim braunen Fliegenpilz Nr. 13 die verschiedenen Lokalformen übersichtlich zusammengestellt und meinethalben auch mit lateinischen Namen belegt werden, vorausgesetzt, daß es sich um eine erschöpfende Übersicht oder um wohlabgegrenzte Lokalrassen handelt, was ich in diesem Fall nicht beurteilen kann.
Aber durchaus unsympathisch ist mir die planlose Varietäten- und Formenmacherei, wie sie neuerdings Mode zu werden scheint. Einmal werden die Begriffe Varietät und Form nicht scharf getrennt, was ich empfehlen möchte: Varietät für erblich konstante, Form für äußerlich bedingte Abweichungen. Sodann belege man doch nicht jede kleine Abweichung gleich mit einem lateinischen patentierten Namen, zumal in einem volkstümlichen Werk. Fast ein halbes Hundert Novitäten mit R. Sch. in den zwei Bänden ist doch wohl etwas reichlich. Andererseits verstehe ich nicht, warum z. B. bei Lactarius glyciosmus 217 die Tieflandform oder -varietät nicht von der Gebirgsform getrennt ist. Hier ist der Unterschied ja so groß und so konstant, daß ein Tieflandbewohner seinen wohlriechenden Milchling in dem von Ricken und Schulz auf glyciosmus gedeuteten früheren pyrogala-Bild nie wiedererkennen wird! In den neuen Beschreibungen interessieren mich besonders die Geruchs- und Geschmacksangaben. Ich habe sie schon einmal rühmend hervorgehoben, und wenn ich mich im folgenden mit ihnen kritisch befasse, so geschieht es nur, um auf dem Weg der Diskussion für diese vernachlässigten wertvollen Merkmale über den ihnen z. Zt. noch anhaftenden subjektiven Charakter hinaus objektivere Geltung erringen zu helfen. Den Geruch des grünen Knollenblätterpilzes kann ich nach wiederholten Überprüfungen nicht mit dem der Ligusterblüte vergleichen. Da Amanita phalloides leicht kenntlich ist, nenne ich ihn phalloides-Geruch und finde ihn auch sonst nicht selten, so wie Schulz bei Naucoria lugubris 181, bei Myxacium collinitum 198 und bei vielen Rißpilzen, aber auch bei einigen Täublingen u. a. Die Umbenennung des Mehlgeruchs in einen Gurkengeruch ist teilweise sehr zutreffend, aber doch nicht durchweg am Platz. Tricholoma focale Nr 17 habe ich wie Schulz in der Mark lange Zeit nur mild gefunden, bis ich plötzlich 1924 unter milden zahlreiche unerträglich bittere Exemplare fand. Tricholoma "sejunctum" Nr. 22 habe ich wie Schulz bislang noch nie bitter gefunden. Da hier in der Literatur durchweg von bitterem Mehlgeschmack die Rede ist und die Art sich gerade dadurch von ähnlichen wie luridum, coryphaeum, fucatum unterscheiden soll, auch von braunschwarzen Fasern kaum bei ihr gesprochen werden kann, scheint mir hier noch ein offenes Problem vorzuliegen. Lepiota carcharias 122 riecht für mich nicht "erdartig", sondern sehr ähnlich dem staubigen Geruch einer Scheune oder Dreschmaschine; aber auch amianthina 123 u. granulosa können so riechen, wenn auch schwächer. Von einem Mehlgeruch habe ich beim Erdritterling 127 nie etwas bemerken können. Unter laugenartigem Geruch scheint Schulz nicht bloß bei den Rißpilzen, wo er es angibt, sondern auch sonst dasselbe zu meinen, was ich Spermageruch nenne. Die Bezeichmmg kann nicht entbehrt werden, sie ist eindeutiger als Laugengeruch und der Geruch ist unter Pilzen weit verbreitet (z. B. Tricholoma grammopodium u. v. a.).

Edmund Michaels Rezension Teil 1 . Teil 2Teil 4 .

 

Tintling 1998