Pilzbücher von Edmund Michael



Ricken gebrauchte dafür meist das noch ungenauere Wort "ranzig". Der "aromatisch herbe" Geruch von Lepista gilva  erinnert mich oft etwas an grüne Nußschalen oder Nußlaub; er ist nach meiner Erfahrung identisch mit dem "säuerlich strengen" Geruch von Lepista inversa 143 wie der var. splendens 142, und da auch die sonstigen Merkmale stark variieren und durcheinandergehen, möchte ich alle drei Pilze für bloße Formen einer und derselben Art halten.

Auch in Schulz' Beschreibungen kann ich keinen festen Unterschied entdecken. Daß Tricholoma albobrunneum nicht bitter sein soll, setzt mich in Erstaunen, ich finde ihn nur selten mild: sollte ich mit Ricken einen anderen Pilz im Auge haben? Dagegen bringt Schulz' Diagnose von panaeolum Bd. I S. 119 eine sehr verdienstliche Richtigstellung eines Fehlers in der Rickenschen Beschreibung, den Nüesch schon übernommen hatte; der Pilz riecht tatsächlich nicht nach Mehl, sondern auf dem Schnitt stets ± deutlich nach Sperma. Im übrigen muß Schulz die Rickensehe Diagnose, die er unter Nr. 33 völlig verkannt hatte, durchaus bestätigen. Leider versäumt er es, diese Verkennung Rickens ausdrücklich zurückzunehmen. Die von Ricken überdies erwähnte sehr bezeichnende blaßrote Sporenstaubfarbe scheint er übersehen zu haben; auch kommt der Pilz nicht bloß dünnfleischig und schlaff vor. über den Wohlgeschmack von irinum 33 denke ich wesentlich weniger enthusiastisch als Schulz, und von Pilzen, die man erst überbrüben muß, halte ich im allgemeinen nicht viel. Der Hallimasch schmeckt, was Michael richtig bemerkt, R. Schulz leider gestrichen hat, im Hals zusammenziehend. Es ist so bezeichnend, daß man daran jedes noch so unkenntliche Exemplar erkennen kann. Den "unangenehm scharfen" Geruch des Waldfreundes 41, den auch für Schulz ähnlichen "streng tintenartigen" des gefleckten Rüblings 150 finde ich ebenso wie Schulz den des Nelkenschwindlings "angenehm", aber nicht "angenehm süßlich", sondern angenehm säuerlich, etwas an den Geruch frischen Holzes erinnernd; ich schlage dafür den Namen "Waldfreundgeruch" vor, er ist weit verbreitet. Ich gebe zu, daß er auch, aber seltener, eine strengere Komponente haben kann. Beim "tranigen" Rübling 153 finde ich den Geruch nicht: "tranig, fast laugenartig, nicht nach Mehl", sondern doch, wie auch Ricken angibt, mehlartig. Ricken nennt die ganze Gruppe, an deren Spitze Collybia rancida steht, ranzige Arten. Sagen wir statt ranzig wanzig, dann kommen wir der Wahrheit näher. Sowohl rancida wie atrata erinnern mich ebenso stark an Mehl wie an Wanzen, nicht aber an Tran oder an ranzige Butter; auch auf Clitocybe sinopica u. v. a. trifft das zu. Bei Flammula hybrida habe ich einen Mehlgeruch nie bemerkt, wohl aber den angenehm süßlichen, an Mandeln anklingenden, den Schulz von sapinea bezeugt, wodurch der Unterschied zwischen beiden "Arten" noch geringer zu werden scheint. Phlegmacium orichalceum 199 finde ich entweder dumpf brotartig oder angenehm gebäckartig riechend, nicht "nach rohen Kartoffeln". Der Geschmack des Grubigen Milchlings 211 ist für mich zugleich etwas bitter, der "nicht unangenehme" Geruch erinnert mich sowohl an Lakritzen wie an die Gerüche der Tischlerwerkstatt (Politur?); den spezifischen Anklang der Milchlinge an "Efeublättergeschmack" kann ich Schulz nicht bestätigen. Der Geruch des süß riechenden Milchlings 217 läßt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen, einem Schwaben fallen dabei unvermeidlich die süßen "Zimtsterne" seiner Heimat ein, wofür in Norddeutschland vielleicht die Makrone als Ersatz gelten mag: es ist wohl Kokosgeruch. Beim Maggipilz 218 wie beim Kampfermilchling jagt der gelehrte Verfasser seine weniger gelehrten Leser durch Heranziehung des Geruchs von Trigonella foenum graecum unnötigerweise "ins Bockshorn". Ricken, dem diese Notiz zu entnehmen ist, erwähnt daneben noch den keiner deutschen Nase fremden Zichoriengeruch, der in diesem Fall nicht nur als Surrogat, sondern als vollwertiger Ersatz gelten darf, noch zutreffender als der Maggigeruch, den Schulz noch zuläßt. Es ist mir unverständlich, warum er den Zichoriengeruch nicht einmal erwähnt. Russula lepida 69 schmeckt für eine empfindliche Zunge nicht rein mild, sondern bitterlich wie angekautes Bleistiftholz, ein sehr bestimmtes und konstantes Merkmal der Art. Daß Russula drimeia Nr. 67 und 228, dessen Identifizierung mit sardonia Fr. im 2. Band nicht mehr rundweg als "Irrtum" Rickens abgetan wird, im Alter oft widerlich nach Heringslake rieche, wird trotz meines Widerspruchs aufrechterhalten, der Heringslakengeruch soll sogar beim Abkochen in viel Wasser sich nicht verlieren: ich muß das nach wie vor bestreiten. Der Pilz riecht für mich im Alter nach neubacken Brot. Singer sagt Stärke und beim Abkochen widerlich bitter, etwas an Zedernholz anklingend. Merkwürdigerweise bezeichnet Schulz meinen "Heringstäubling" 229 als "fast geruchlos". Romell nennt diesen Pilz graveolens, er schreibt mir, er heiße auch in Schweden allgemein Heringstäubling. Michael nannte ihn, nicht übel, "Runzelstiel", Ricken den "anlaufenden", beide hielten ihn für Linnaei Fr. Warum Schulz auch im Deutschen den Namen "Linnes Täubling" gewählt hat, ist mir unverständlich. Ob der Pilz, über dessen Artmerkmale einschließlich des Heringsgeruchs keinerlei Zweifel mehr existieren, die Fries'sche Linnaei ist, ist sehr zweifelhaft und wird von den meisten Forschern verneint; vollends ob es der Pilz Linnes ist! Wenn wir mit den deutschen Namen nicht Verwirrung statt Klärung schaffen wollen, so müssen wir auch hier eine gewisse Kontinuität wahren. Bezüglich fusco-ochracea R. Sch. 241, die auch ekelhaft nach Heringslake riechen soll, habe ich schon darauf hingewiesen, daß die Beschreibung vom Bild ziemlich abweicht und man ist fast in Versuchung, dabei an die olivbraunen Formen des Heringstäublings zu denken, die vielfach unter dem Namen olivascens oder Russula olivacea gehen, und von Schulz nicht zu Rickens Linnaei gerechnet zu werden scheinen. Neue Täublingsarten jedenfalls müßten viel schärfer umrissen sein. Die Russula integra L. 235 möchte ich .dem Aussehen nach eher für ela ti or Lindbl. oder für eine nicht geschwärzte Form von obscura Rom. vinosa Lindbl. halten, ohne die Zurechnung zu der auf Linne zurückgreifenden Sammelart zu bestreiten. Ebenso bestreite ich nicht, daß die "Russula caerulea Pers." 236 übrigens nicht sehr sprechend abgebildet die var. umbonata GilI. und die Russula caerulea Cke. ist oder sein kann. Die Identifizierung mit caerulea Krbhlz. oder gar Pers. halte ich dagegen für sehr fragwürdig; wenn es unbedingt eine ältere Art sein soll, wäre mir purpurea Schaeff. Taf. 254 eher wahrscheinlich, ebenso die Krombholzsche cuprea Taf. 66, 1 3 und da Fries diese Tafeln für seine nitida heranzieht, habe ich bei dieser Art lange an Russula nitida gedacht, zumal der Name nitida auf keine Art so gut passen würde als auf diese, auch im trockenen Zustand stets glänzende Art, die ich auch in der Randzone nie "zartest gekörnt" gesehen habe. Ich gebe zu, daß gegen die Deutung als nitida der stets weiße Stiel und der nie scharfe Geschmack spricht, wohl aber schmeckt das Fleisch stets zwar schwach, aber bezeichnend bitter, ein spezifisches Merkmal, das Schulz übersehen hat. Da ich weiß, daß Schulz die Art noch mit meinem Jodoformtäubling zusammenwirft, so möchte ich vermuten, daß darauf die Angaben in der Beschreibung zurückgehen, die zu Gillets umbonata nicht passen: "Rand zartest gekörnt, oft weißlich gesäumt", "Stielfleisch auffallend löcherig mürbe" (in Wahrheit lange Zeit ziemlich fest!) Vielleicht beruht darauf auch die Wahl einer wenig bezeichnenden Form für die Abbildung. Die Unterscheidung von lutea 240 und chamaeleontina 239 halte ich gegen Ricken und Schulz für unmöglich. Ebenso halte ich nur 55, nicht auch 54 für Psalliota silvatica.

Zum Schluß sei noch einmal der Wunsch ausgesprochen, meine sachlichen Ausstellungen möchten nicht als eine Herabsetzung des gesamten Werkes aufgefaßt werden, das ich sehr hoch schätze.

Edmund Michaels Rezension Teil 1 . Teil 2 . Teil 3 .




Tintling 1999

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